Terror-Büssi gehen baden

Türkei – Ende August

Auf ein modernes und energietechnisch fortgeschrittenes Land! Die Türkei versenkt weit im Osten im Zehnjahresrhythmus schöne, enge und abgelegene Schluchten in Stauseen. Aber das ist noch das kleinste Übel hier, für viel mehr Emotionen und fast eine schlaflose Nacht sorgen in Yusufeli eine Armee von Bébébüssis.

Die Landschaft hat sich ein weiteres Mal merklich verändert. Nach den breiten Hochtälern und ein paar Ruhetagen im einzigen Hotel am Platz auf 1500 Metern über dem Schwarzen Meer im Städtchen Bayburt geht es nun bergab mit uns. Die ersten Tage folgen wir einem kleinen Flüsschen durch eine braune Hügellandschaft mäandrierend. Es hat sich dabei auch schon tief eingefressen, die einspurige Strasse macht den einen oder anderen Umweg über steile Talflanke doch die Landschaft ist beeindruckend und generell geht es runter.

eastern Anatolia - Turkey

Das Flüsschen wird zum Fluss, die Hügel zu Bergen und das Tal immer tiefer, dann wird der Fluss zum stehenden Gewässer und die Strasse wirkt plötzlich etwas neuer. Irgendwie stimmt hier überhaupt nichts mit der überaus hochgelobten Openstreetmap überein, wo wir fahren gibts keine Strasse, und das zwischengespeicherte Satellitenbild zeigt einen Fluss wo in der Wirklichkeit deutlich mehr Wasser ist. Die digitale Realität verwirrt uns sehr doch sollten wir uns vielleicht besser auf die Strasse vor uns konzentrieren um nicht zwischen den Betonblöcken über die Strassenkante und hangabwärts vom rechten Weg abzukommen.

Nach einem halben Tag radeln am See stossen wir dann auf das künstliche Hindernis quer zur Talachse, die grobe Gewichtsstaumauer lässt sich bei der Abfahrt nach jeder zweiten liebevoll in den Hang gegrabenen Haarnadelkurve bewundern. Die aufgeschütteten Schutthalden an der Strasse stehen im Kontrast zu den ursprünglichen Abhängen. Die Sonne geht hinter der Krone der Mauer unter und wir verbringen die Nacht am Fuss der Talsperre, von einer Grillgesellschaft im „Gartenhaus“ einquartiert. Gefüttert mit Lammspiessen und abgefüllt mit Cay liegen wir auf der gedeckten Dachterrasse, die Staumauer im Rücken doch kann man den gigantischen Wasserdruck fast fühlen. Dämme können brechen, vor Kurzem geschehen in Asien.

Der nächste Tag führt uns durch eine wunderschöne Tallandschaft, die schmale Strasse windet sich über dem Fluss der Talflanke entlang um das wenige flache Ackerland nicht unnötig zu vergäuden. Rotgelbe Felsriegel verengen die Durchfahrt, es wird immer wärmer, der Schweiss fliesst, trotz gut 1000 Metern Höhe. Am Strassenrand stehen Feigenbäume und sogar Granatäpfelbäume, es ist üppig grün und das Wasser fliesst überall in moosigen Rinnen die Talflanken herab. Weit über uns in den steilen Felsen kann man wieder frische Ausbrüche erkennen, aufgeschüttete Schuttkegel, Terrassen und dazwischen gelbe Baumaschinen. Als wir der nächsten Stadt näher kommen, können wir weit oben am komplett vegetationsfreien Fels- und Schutthügel reihenweise Rohbauten von mehrstöckigen Häuser erkennen, irgendwie surreal, alles grau in grau, eine Staubwolke liegt über der Geisterstadt. Kurz darauf passieren wir das Ortsschild von Yusufeli, hier gibt es anscheinend einen Camping.

near Yusufeli in eastern Anatolia - Turkey

Im Hinterhof zwischen Wohnhäusern hat es eine Wiese, der Chef empfielt uns den am wenigsten geeigneten Ort im hüfthohen Gras um das Zelt aufzustellen. Wir nicken und beherzigen seinen Vorschlag überhaupt nicht. Im Moment stellt hier sowieso niemand etwas auf, wir liegen schwitzend bei feuchtheissen 35°C im Schatten und bewegen uns nicht. Wie wir da so liegen startet ein kleines, junges und komplett schwarzes Büssi eine Charmoffensive, bevorzugt an den am wenigsten an ihm intressierten Campinggast gerichtet. Martina ist schon daran, Platz in der Saccosche zu schaffen um das haarige Vieh mitnehmen zu können, während es auf meine Mayonnaise spekuliert.

Die Temperatur ist etwa 0.5° gefallen, wir haben Essen beschafft und es wird schon langsam Abend. Das schwarze Büssi hat seine Geschwister mobilisiert, in der Zwischenzeit treiben sich vier von den grossäugigen Pseudotigern herum, verstecken sich hinter unseren Velos und überfallen einander aus dem Hinterhalt. Das beliebteste Spielobjekt aber bleibt der eigene Wirbelsäulenfortsatz, fast kann man die Überraschung sehen wenn sie merken dass sie sich selbst in den Schwanz beissen. Das Zelt steht, der Kocher ist aufgebaut und es gesellt sich eine weitere Katze zu uns. Ob klein und je nach Sichtweise härzig oder nicht, aller Spass hat ein Ende als die Kleinen unser Zelt entdecken. Vollgaracho darauf zu gerannt und dann auf die schräge Seite satzen, erschreckt feststellen dass es A) rutscht und B) nachgibt wäre das wohl der Moment die Krallen zur Stabilisierung einzusetzen. Auch provoziert dieses Spiel sofort den bärtigen Katzenmiesepeter der kurz abhebt und komischerweise nicht im geringsten mit diesem Spiel einverstanden ist.

Schreien, Klatschen, Stampfen, es nützt alles nichts, das kleine Katzenhirn hat nach 5 Minuten vergessen dass jede Annäherung ans Zelt einen Tobsuchtsanfall provoziert und damit endet, quer durch den Garten gejagt zu werden. Die Stimmung sinkt, die bescheuerten Viecher wollen unser Zuhause zerstören. Alternativ dazu markiert der grössere Kater schon mal den Zeltstoff damit er das Zelt auch im Dunkeln wieder findet.

Also Wasser marsch! Ein eher mässig lustiges Spiel geht los, die Pfanne mit Wasser gefüllt wartet der bärtige Spielverderber und bei jeder Annäherung gibt es zwei Liter kaltes Wasser fadegraad in die Visage, ei das platscht und die plötzlich nur noch halb so dicken Gigubüssis satzen schnellstens ins Dunkle davon. Martina schläft wohl schon, und immer wieder schleichen sich die Büssis unermüdlich an um dann pflotschnass wieder davon zu rasen. Eine Stunde später ist der gesamte Innenhof nass, gute 50 Liter liebevoll und gerecht an alle Büssis verteilt und endlich lässt die Besuchsrate der Viecher nach. In der Zwischenzeit reicht ein Schritt und die Kätzchen rennen um ihr Leben und dann ist endlich Ruhe.

Die armen Kleinen, und all das Wasser, die erkälten sich etwa noch! Die armen Kleinen müssen sich schnellstens an Wasser gewöhnen! Die Zeit läuft, in zehn Jahren wird es hier auf der Wiese um einiges nasser wenn der Seespiegel steigt. Meine Katzendusche ist ein bescheidener Vorgeschmack, den kleinen Terroristenbüssis droht die Flutung ihres Zuhauses.

Am nächsten Tag fahren wir in eine Grossbaustelle, Staub liegt in der Luft. Das enge Tal macht einen Knick, wir durchqueren den Felsriegel im Tüneli Nr. 3. Dahinter dröhnt es, die Sonnenstrahlen stechen durch den Puder in der Luft, Lastwagen überholen uns. Bis auf 300 Meter über der Talsohle sind die Talflanken terrassiert, Baumaschinen kriechen hin und her, alle ziehen Staubfahnen hinter sich her. An der engsten Stelle ist alles von Spritzbeton überdeckt und hunderte von Felsankern stehen daraus hervor. Von der Mauer kann man noch nichts erkennen, erst die Vorbereitungen sind im Gang um die fast 300 Meter hohe Staumauer an den Talflanken abzustützen.

construction site Yusufeli dam - Turkey

Die letzten 50 Kilometer unserer Reise werden in den nächsten zehn Jahren in den Tiefen des Yusufeli-Stausees versinken, mit ihnen all die kleinen Dörfer, die Felder und Feigenbäume, die Strasse und das Städtchen Yusufeli. Daher ist es nur gut, lernen die Büssis schon mal den Umgang mit kaltem Wasser.

Das Projekt ist umstritten, anscheinend kennt jeder Türke den Ortsnamen Yusufeli. Einige tausend Talbewohner werden umgesiedelt, der grüne und fruchtbare Talboden verschwindet im Wasser und zurück bleiben steile, karge und felsige Berghänge ohne einen einzigen Baum oder Weideland. Den Leuten wird selbstverständlich eine Alternative angeboten, Yusufeli wird 300 Meter weiter oben neu aufgebaut, die Rohbauten haben wir gesehen. Ob dort in der grauen Umgebung auf den aufgeschütteten Terassen jemand leben will wird sich zeigen.

Wir durchqueren Tüneli Nr. 24, unter uns liegt der nächste Stausee. An diesem Flusslauf folgt Staustufe an Staustufe, der Artvin-Staudamm spielt bezüglich der Mauerhöhe in der weltweit oberen Liga. Am anderen Ufer stehen Hausruinen halb im Wasser, weiter vorne sticht ein Minarett durch die Wasseroberfläche. Die Strasse ist auch sehr neu, es reiht sich Tunnel an Tunnel, geschätze 90% der Tagesstrecke sind wir im Berg. Gut ausgeleuchtet, leicht bergab, wenig Verkehr, so lässt sich diese Stecke auch mit dem Velo fahren. Der Eingriff in die Natur ist massiv, doch wer sind wir hier Kritik zu üben, Zuhause stehen unsere Berge auch mit Staumauern voll. Eindrücklich ist dieser Abschnitt ohne Zweifel, Teile von dieser Strecke sind brandneu, andere werden bald in den Fluten versinken und dann werden auch die letzten Terrorbüssis baden gehen.