Metro

Yerevan in Armenien – Anfang Oktober

Sechsspurige Strasse, der Verkehr rollt. Autos von schrottreif über teillädiert bis naja. Die besseren Autos sind wohl die, welche in der Schweiz gerade die Zulassung verloren haben. Wir wollen dem Drama auf der Strasse nicht länger zuschauen und gehen in den Untergrund.

Dank GPS finden wir die Metrostation, die saalgrosse Eingangshalle ist gut versteckt und unauffällig neben den anderen heruntergekommenen Bauten. Es gibt zwei telefonkabinengrosse Häuslein, einmal Security, einmal Ticket. Wir bezahlen 100 Dram pro Person (20 Rappen) und erhalten einen Plastikjeton. Den werfen wir 3 Meter weiter in das Drehkreuz und dahinter beginnt die Rolltreppe. Nach der Kante geht es beeindruckend weit in den Untergrund; der steile Tunnel mit drei Rolltreppen geht wohl gut 50 Meter in die Tiefe. Zugluft bläst uns Tunnel- und Eisenbahngeruch ins Gesicht.

Für sowjetische Verhältnisse bescheiden präsentiert sich uns das Perron, ein breiter Tunnelbogen ohne Verzierungen. Kurz darauf rattert ein Zug aus dem Loch, nicht gerade der neuste aber wohl doch fast Originalmaterial. Alles sehr unspektakulär. Hereingehüpft, allerseits beäugt. Dann klammern wir uns an die Haltestangen und es geht ein Höllengeratter los als der Zug in den Tunnel beschleunigt. Vielleicht fährt das Vehikel ja gar nicht auf Schienen sondern direkt auf dem Schotterbett! Der Lärm durch die geöffneten Kippfenster macht jegliche Unterhaltung unmöglich.

Zwei Stationen weiter steigen wir im Herzen von Yerevan aus, Rolltreppe hoch, und in eine Arena im Untergeschoss mit offenem Dach, der Haupteingang zur Yerevaner Metro. In der Mitte ein Brunnen, mehrere Becken, seerosenartige Wannen aus Beton, im Hintergrund oben die Fassaden von Hochhäusern aus orangem Tuffstein. Hier sieht es aus wie vor 40 Jahren in der guten alten Sowjetzeit.

Eine Stunde später stehen wir wieder in dieser versenkten Arena, in einem Halbrund um Ana, unsere Reiseleiterin auf einer Free Walking Tour. Sie kennt die Geschichte der Yerevaner Metro: Es war einmal vor vielleicht 40 oder 50 Jahren, da war Yerevan eine kleine Stadt ohne Metro. Neidisch schielten die Yerevaner auf Tiflis und andere sowjetische Städte, weil die hatten eine Metro. Man bemühte sich und plante ein Untergrund-Tram doch fehlte (wen wunderts) das Geld und die Erfahrung. In ihrer Verzweiflung wandte man sich an die grosse Sowjetunion und verlangte eine Metro, doch da gibt es in der gut organisierten Union natürlich klare Vorgaben. Nämlich gibts Metros erst ab einer Million Einwohner. Das reichte hier nicht, also bestand der nächste Schritt darin, möglichst viele Leute in der Stadt anzusiedeln. Man holte die Leute aus den umliegenden Dörfern in die Stadt und schon bald knackte man die Million, die Metro war in Griffweite. Die Sowjetunion war aber noch nicht überzeugt und kündete einen Besuch zur Beurteilung der Situation an. Um den Beamten von der absoluten Notwendigkeit der Metro zu überzeugen schmiedeten die Yerevaner einen Plan. Für den Tag des Besuchs wurde die Bevölkerung der Stadt und Umgebung aufgefordert, mit dem Auto in die Stadt zu fahren, die Strassen zu verstopfen und die Busse im Stau zu blockieren. Der Beamte aus Moskau blieb natürlich im Verkehrschaos stecken und darauf hin wurden Ingenieure und Technik aus der Sowjetunion organisiert, welche Yerevan in den 80er Jahren zu einer Metro verhalfen. Seit damals hat die Auslastung abgenommen, Infrastruktur und Rollmaterial sind original und seit den Anfängen gab es keine Neuerung. Eine Linie mit zehn Haltestellen zieht sich durch die Stadt, das Kleinbus-Liniennetz ist viel feinmaschiger und verzweigter. Es gibt Pläne für Erweiterungen der Metro um eine zweite Linie, doch seit dem Erdbeben 1988 fliesst bis heute alles Geld in wichtigere Infrastrukturprojekte. Dank der sowjetisch soliden, stabilen und vor allem tief im Untergrund errichteten Metro hat diese das verheerende Erdbeben praktisch ohne Schaden überstanden und war zwei Tage später und bis heute in Betrieb.