Wir stellen vor: Fridolin

Bereits in Tadschikistan zeichnet sich ab, dass unsere Reise wohl nicht ganz dort enden wird, wo wir uns das vorgestellt haben. Also, eigentlich sind wir ja zu Hause los mit der Idee, mal in die Türkei zu fahren. Zumindest so als erste Etappe. Aber wir wollten uns nie auf ein bestimmtes Ziel versteifen. Klar, der Pamir-Highway war immer irgendwie im Hinterkopf. Und ja, es wäre schön, wenn wir auch noch die Mongolei «mitnehmen» könnten. Aber eben, wir wollen flexibel bleiben.

Um von Kasachstan in die Mongolei zu gelangen, muss man entweder durch China oder Russland. Als wir vor 15 Monaten in der Schweiz losgeradelt sind, wäre es laut unserer Recherche möglich gewesen – zwar mit viel administrativem Aufwand – in Kasachstan ein Visum für China zu beantragen. Dies geht nun leider nicht mehr. Wir müssten zurück in die Schweiz und dort den Antrag stellen. Sowohl für das chinesische, als auch für das russische Visum. Wären wir so gescheit gewesen und hätten vor unserer Abreise einen zweiten Pass beantragt (ja, das geht offenbar!), dann könnten wir den nun nach Hause schicken und das Visum über eine Agentur machen lassen.

Durch Russland könnten wir mit einem Transitvisum. Aber dann hätten wir höchstens zehn Tage Zeit und müssten uns daher einen Transport organisieren. Ausserdem ist der Weg über Russland ziemlich weit und die Steppe Kasachstans lädt nicht unbedingt zum Velo fahren ein. Und in Dushanbe erreichen uns dann auch noch Nachrichten, wonach es nicht mehr möglich ist, in der Mongolei ein Russlandvisum zu bekommen. Das war nämlich bisher eine grosse Ausnahme. Und wir wären schampar gerne mit der transsibirischen Eisenbahn nach Europa zurück gekehrt.

Die aufmerksame Leserin merkt: ein bisschen viel Konjunktiv. Wir sitzen also mehr oder weniger in Kasachstan fest. Und beschliessen daher, dass Almaty unser östlichster Punkt wird und wir uns von dort auf den Heimweg machen. Ein komisches Gefühl. Aber kein schlechtes. So gerne wir auch unterwegs sind, wir freuen uns darauf Familie und Freunde wieder zu sehen. Und natürlich auch noch auf ein paar andere Nebensächlichkeiten wie Käse, Naturjoghurt und saubere Toiletten.

Stellt sich nun die Frage, wie wir wieder nach Hause kommen. In ein Flugzeug steigen wollen wir nicht. Und zwar nicht nur aus ökologischen Gründen. Beim Gedanken, nach 15 Monaten einfach so schwupps nach ein paar Stunden zu Hause zu sein, wird uns ein bisschen bange. Aber eigentlich sollte es kein Problem sein, mit dem Zug ans Kaspische Meer zu fahren, mit der Fähre überzusetzen, den Zug nach Georgien zu nehmen und dann auch das Schwarze Meer per Fähre zu überqueren. Und schon wären wir in Bulgarien. Doch dann kommt alles anders.

Die beiden Schweizer, mit welchen wir durch Tadschikistan fahren, müssen nämlich einen Schatz ausgraben. Und zwar auf dem Ak-Baital Pass, dem höchsten Punkt des Pamir-Highways. Vergraben hat ihn ein anderes Schweizer Päärchen, das ein paar Monate vorher mit einem Camper die gleiche Strecke gefahren ist. Die Schatzsuche auf 4600 m.ü.M ist recht anstrengend und nicht ganz einfach, lohnt sich aber. In der Kartonschachtel finden wir gute Teigwaren, Pesto und Wein. Welche Freude!

Und natürlich erzählt uns Clementine die Geschichte von Nico und Lena, die mit einem 30-jährigen Camper von der Schweiz nach Kasachstan gefahren sind. Und offenbar diesen Camper in Almaty haben stehen lassen, weil ihnen die Zeit ausgegangen ist. Und nun noch nicht recht wissen, wie sie diesen Camper wieder in die Schweiz zurückholen. Clementine und Angelo können ihn nicht übernehmen, sie haben kein Permis. Wir aber schon!

Wir sind nicht ganz von Anfang an begeistert. Irgendwie fühlt sich das ein bisschen komisch an, auf einen Camper umzusteigen, nachdem wir so lange geradelt sind. Andererseits würden wir ja sowieso auf etwas motorisiertes umsteigen. Gerade die 3000km kasachische Steppe bis zum Kaspischen Meer wollen wir definitiv nicht radeln.

In Osh nehmen wir Kontakt zu Nico und Lena auf und nach ein paar Telefonaten ist klar: Sie bringen die Nummernschilder und den Schlüssel auf die Post. Als Kontakt in Almaty geben wir Freunde von Mänu an, der ja bereits zwei Mal dort war. Nach ein paar Tagen Wartezeit in Almaty besuchen wir Abulia und seine Familie und kehren mit einem Zürcher-Nummernschild in unser Hostel zurück.

Und am nächsten Tag ist es soweit. Wir radeln zu den Koordinaten, die uns Nico angegeben hat. Dort, auf dem grossen Parkplatz steht er, unser neuer Begleiter. Er ist nicht mehr der jüngste, hat ein paar Bräschte, Beulen und Eigenheiten. Aber er hat Charme! Und er bietet uns unglaublichen Luxus: Schlafen in einem Bett, essen an einem Tisch, duschen mit Brause statt PET-Flasche.

Da wir nun auch den Fahrzeugausweis haben, können wir auf das russische Konsulat und ein Transitvisum beantragen. Wir wollen nördlich um das Kaspische Meer herumfahren, statt mit der Fähre überzusetzen. Während der Woche, die wir auf das Visum warten, können wir uns einrichten, ein paar Reparaturen vornehmen und die etwas kühlere Luft in den Bergen rund um Almaty geniessen.

Vor uns liegen nun erst einmal 3300km kasachische Steppe. Bei rund 40 Grad. Wir hoffen, Fridolin ist so motiviert wie wir und lässt uns nicht irgendwo im Nirgendwo im Stich. Wir sind aber zuversichtlich. Er fährt zwar lieber nicht schneller als 90km/h, aber wir sind uns ja gewohnt, gemütlich unterwegs zu sein.