Chormasabsi

Iran – Ende November

Der Nasenspitz ist schon arg kalt, der Bauch mit Spagetti Pesto gefüllt und Martina döst weg. Es ist schon länger dunkel und im Zelt gefriert gerade das Kondenswasser als ein Auto über den Feldweg holpert. Mein lieber Schwan, wir konnten es ihm also doch nicht ausreden! Zwei Kilometer von der Strasse weg auf einem Acker liegen wir, und die iranische Gastfreundschaft schlägt ein weiteres Mal zu.

Drei Stunden früher: wir strampeln einer vierspurigen Strasse entlang, die Sonne im Rücken und schon tief. Ein Blick zurück, Sonnenstand gecheckt, klarer Fall, in 20 Minuten ist die Sonne weg. Rund um uns alles flach, alles Landwirtschaft, alles braune Äcker, vertrocknete rissige Erde und Bewässerungskanäle. Das könnte etwas schwierig werden mit dem zeltlen. Egal, irgendwo auf dem Acker, weiter gehts. Kurz darauf ein Feldweg rechts weg, Autospuren im getrockneten Schlamm, wir biegen ab und holpern ein, zwei Kilometer von der Strasse weg ins Abseits. Alles ist ausgetrocknet, Felder wie Bewässerungskanäle, doch selbstverständlich erwischen wir einen Abzweiger mit heimtückisch getarntem Supergau-Schlamm und rösseln direkt da rein. Mein Stop!-Geschrei geht im schmatzenden und kratzenden Schlamm zwischen Pneu und Schutzblech unter, bei den Bremsen wurstet der lehmige Dreck raus. Stop und leider die Füsse von den Pedalen weg, schmatz und auch diese stecken im Dreck. Diese verfluchten Dreckstrassen, von weitem sehen sie befahrbar aus, dann zack und du klebst auf der Stelle und hast in zwei Sekunden die Putzarbeit von zwei Stunden äusserst effizient wieder rückgängig gemacht.

Schnaubend und fluchend würgen wir die Velos zurück auf die andere Dreckstrasse, aber es gibt sowieso nirgends Sichtschutz, daher stoppen wir und beschlagnahmen ein Feld mit Dornbüschen für das Nachtlager. Das Zelt steht knapp als die Sonne verschwindet, die Temperatur ist im Sturzflug. Nach dem Zelteinräumen hält ein Auto, setzt zurück. Drei Männer kommen zu uns aufs Feld, Salam! Händeschütteln, dann Gestenkommunikation mit Minimalenglisch. Ja wir schlafen hier. Ja genau hier in unserem Zelt. Wir werden eingeladen, „home home!“ er zeigt übers Feld. Wir zeigen beide überzeugend auf unser Zelt, „home here, home tent!“. Er ist nicht überzeugt. Wir werden erfrieren, interpretiere ich seine Bedenken. „no problem, good sleepingbag“ überzeugt ihn auch nicht. Ich hole den Schlafsack aus dem Zelt und zeige ihm den Einsatzbereich-Zettel. +10 bis -22°C, Komfort -8°C, er scheint etwas beruhigt zu sein. Das hätten wir. Nächstes Thema, „Food!“ ich interpretiere wir sollen zu ihm zum Znacht. „no no, spagetti!“ es hilft nicht. Ich hole unsere zehn Tonnen schwere Fresstasche, drücke ihm sie in die Hand, „Food!“ Er scheint aufzugeben. Wir haben alles und er kann zu wenig englisch um zu argumentieren. Wir bedanken uns, Händeschütteln, „chodahaves“!

Wir hätten die Einladung ja schon angenommen, aber wenn das Zelt schon steht und die Sonne schon weg ist, dann ist für uns der Zug abgefahren. Martina kocht Spagetti, wir essen im Zelt, es wird richtig dunkel. Kaffe und Tee, Dessert, Zähneputzen und dann sind wir gegen acht Uhr im Schlafsack, der Tau auf dem Zelt gefriert gerade und glitzert mit den Sternen um die Wette.

Dann ein Auto in der Ferne, es kommt näher, fährt am Zelt vorbei und kommt kurz darauf zurück, die Dornbüsche kratzen dem Unterboden entlang, die Scheinwerfer streichen übers Zelt. Die Chance, dass die jemand anderes als uns ansteuern hier ist eher klein. Dann Türen, Martina ist wieder wach. „Mister?“ Dann also doch wir. Er ist zurück gekommen! Dabei waren wir so überzeugend! Ich öffne das Zelt im liegen und schaue raus, zwei Männer und ein kleines Mädchen, sie winken. Und sie haben Zeug dabei, „Mister, food!“ Es ist so nett und führsorglich von den Leuten. Wäre es doch nur einfacher die Essens- und Schlafenszeiten überzeugend zu kommunizieren! Die Herren packen Kochtöpfe aus. Es gibt Chormasäbsi! Teller, Besteck, Reis und Eintopf, dazu Brot und eingelegtes Gemüse. Alles wird vor uns im Zelt aufgebaut, wir hocken in unseren Schlafsäcken und sind noch von den Spagetti Pesto voll und satt. Zum Glück haben wir Radlerhunger und sind in der Lage ein komplettes zweites Znacht zu essen! Die beiden Herren stellen sich vor, Farhad und Hassan, das kleine Mädchen steht zwischen den am Boden vor unserem Zelt knienden Männern und späht sehr gwunderig aber auch scheu in unser Zelt. Für sie sind wir wohl die totalen Spinner, Zelt im Acker, saukalt, wie die Höhlenbewohner und sprechen nicht mal eine verständliche Sprache! Farhad hat einen Freund am Telefon, der kann Englisch. Er denkt immer noch, dass wir die Nacht nicht überleben werden und lädt uns zum zehnten Mal ein, das geht doch so nicht! Ich kann seinem Freund klar machen, dass wir sehr, sehr Freude haben an diesem Angebot aber der Aufwand um unser ganzes Zeug zusammenzuräumen und dann mitten in der Nacht quer durch die Felder zu ihm nach Hause zu radeln ist einfach zu gross, wir sind müde und haben schon zweimal Znacht gegessen. Er scheint es zu verstehen, was ihn aber nicht daran hindert uns noch zweimal nachzuschöpfen.

Das Essen ist sehr gut, und wir müssen uns kaum zwingen noch mehr zu essen. Wir tauschen Nummern, falls wir in der Nacht in eine lebensbedrohliche Situation kommen sollten. Wir machen Fotos, das kleine Mädchen soll sich zu uns ins Zelt setzen aber die Sache ist ihr nicht ganz geheuer. Aber uns scheint, sie kriegt langsam kaltl und wir verabschieden uns. Die Herren räumen das nächtliche Picknick ins Auto, Händeschütteln, Mersi, Mersi!

Das Auto rumpelt durch die Büsche davon, wir sind wieder hellwach und prallvoll gestopft. Dann bleibt uns wohl nur ein zweites Mal zähnputze und dann nochmals ins Bett! Wenn wir richtig überlegen, hätte uns eigentlich von Anfang an klar sein müssen, dass Farhad mit Essen zurück kommen wird. Man kann die Gastfreundlichkeit hier einfach nicht abwenden, sie ist in den meisten Fällen ehrlich und ernst gemeint, wer würde sonst mitten in der Nacht nochmals zurück quer durch die Felder um zwei Radlern frisch gekochtes Essen in deckenumhüllten Töpfen zu bringen?!

Diese Situationen hier sind schon fast alltäglich, doch überwältigt uns doch jedes Mal wieder die positive Einstellung der Iraner uns gegenüber, es wird uns ungefragt geholfen und wir werden unterstützt mit Schlafmöglichkeiten und Essen. Man muss das auch annehmen können, und das fällt uns manchmal schwer. Wir haben ja zwar zu Hause so viel, doch können wir hier unterwegs nicht viel bieten, im besten Fall ein paar Datteln und die eine oder andere Geschichte von der Reise während uns Leute in bescheidenen Verhältnissen in einem Land mit einer Währung im freien Fall alles anbieten, was sie haben.